späte Erkenntnis

            Nacht. Schlaflosigkeit wird kultiviert, offene Balkontür und Vorfrühlingskälte, frierend und eine Flasche schlechten Rotwein als Gesellschaft. Freund schläft nebenan, atmet unruhig, wird bald aufwachen vermutlich und seine zusammenhangslosen Fragen in die Dunkelheit murmeln, Lockruf dem man folgen kann und manchmal auch nicht. Man sieht sich sein Reich an, dieser fragile häusliche Idylle und weil man zu klar sieht, blickt man ausnahmsweise über die eigene Nasenspitze und schämt sich über das Theater, das man gelegentlich macht aus seinen winzigen Küchenbränden. Man kann sich glücklich schätzen, auch wenn einiges schief geht, gelegentlich. Auch wenn selten alles so läuft wie man will (aber für wen tut es das schon). Auch wen - halt, vergiss deine auch wenns. Im Grunde solltest du verdammt noch einmal dankbar sein, für das was du hast.

Und das bist du eigentlich auch.

6.3.07 01:23, kommentieren

Verzeihung, bitte

           In fact we wanted very little - but it always seemed too much.

Aus. Vorbei. Zu Ende. Er packt seine Sachen, wie schon so oft. Er packt seine Sachen und würgt zu Jacques Brels Amsterdam halbgeweinte Tränen hinunter und ich stehe neben ihm, lächelnd, weil er mir leid tut. Weil ihm nie gelingen wird, was er so oft begonnen hat. Weil es ihm so schwer fällt, sich zu entlieben.

Und ich? Ich zögere, ehe ich ihm das Stichwort gebe, auf das er hoffnungsvoll, gierig, wartet: "Es tut mir leid".

4.3.07 21:28, kommentieren

Flucht mit Hintertür

und dann wolltest du doch tatsächlich abhauen, Hund und Reisetasche auf dem Rücksitz des geborgten Wagens, irgendwohin, spielt doch keine Rolle mehr, Flucht vor diesem letzten Fehltritt, den du nicht mehr verzeihen kannst. Jedoch: schlechtes Gewissen, das dich überkommt, kaum dass du die Stadt verlassen hast. So, wohin jetzt, Idiot? Zu den großen Gesten fehlt es dir an Pathos und Mut. Freunde in Budapest haben dir temporäres Zwischenquartier angeboten - aber, nein. Besser wieder umdrehen, du kannst doch niemals alle Brücken abbrechen und ausserdem kannst du dir nicht leisten, deinen Job zu riskieren. Und und und. Also zurück. Wenn du dich beeilst, bist du wieder zuhause, ehe er heimkommt.

27.2.07 02:52, kommentieren

             hinschmeissen, einfach alles. neu anfangen, irgendwo. nicht länger derjenige sein, der zurück bleibt. der alltag um alltag rearrangiert. der funktioniert, lächelt, den schein wahrt.

1 Kommentar 24.2.07 00:35, kommentieren

Bolero

            Belauschter Dialog an der Strassenbahnhaltestelle stimmt nachdenklich. Mädchen (hübsch, soweit unter den Massen von Haaren und Schal erkennbar) erzählt einer Bekannten: "Ich hatte gestern einen seichte-Klassik-Anfall, hab mir den Bolero, Ravel, auf Kassette gespielt, fürs Auto, weil das ist die ideale Fickmusik." Die Bekannte fragt unter hochgezogenen Augenbrauen: "Ich bitte dich, wer hat heute noch einen Kassettenrekorder?"

21.2.07 23:03, kommentieren

Samstag

           Abendliches Treffen mit 3 Studienkollegen, gänzlich in Anspruch genommen von Beziehungskrise, die G. und seine Freundin gegewärtig durchleben, Langeweile und zuviel Taktgefühl um G. abzuwürgen, noch vor Mitternacht tritt man den Heimweg an, verpfuschterSamstagabend.                                                                                 Post-it am Computerbildschirm, "Nicht auf mich warten, bin weg, F." Eifersucht, grundlos (vielleicht?), sinnlos (sicherlich) wird unterfüttert mit kroatischem Weichspülerpop, beträchtliche Anzahl von Martinis hindert an der Umsetzung etwaiger schriftstellerischer Ideen und es ist völlig ausgeschlossen, dass man nicht warten wird....

11.2.07 01:03, kommentieren

abendstimmung

          und schon wollte man das verfluchte blog-ding nachdem die erste geistige umnachtung sich gelegt hat, dezent in der versenkung verschwinden lassen, aber nein, da ist man wieder, zeitverschwendung. gedankenverdrängung an einem abend, der so abrupt so furchtbar schief gegangen ist, dass man vermuten darf, weder worte noch gelassenheit zu finden, sich in details zu ergehen, aber man wird es versuchen, natürlich, mit dem tiefen bedürfnis nach selbstbestrafung:

sorgen um ein fremdes leben, ein leben, das dich doch nichts angeht, ein leben, das du nicht retten kannst, mehr kannst du nicht als hoffen und doch stets die falschen worte finden. nein, ihr steht euch nicht nahe genug, dass du etwas ausrichten könntest, irgendetwas. keine chance zu helfen, selbst um loszufahren, zu ihm, fehlt dir doch der mut, du bist dir der konsequenzen für dein leben überdeutlich bewusst, und wer schreibt heutzutage noch "du fehlst mir".

und dann ist da der mensch, den zu lieben du dir so fest vorgenommen hast, ehrlich zu lieben, ohne ausflüchte und extravaganzen, ohne gestohlene nächte in dunkel und gier, ohne erlogene reue und schamvolle entschuldigungen, dieser mensch, dem du soviel sein willst, in dessen kühlen, traurigen inquisitoraugen liest du nur verachtung, als du ihm beichtest - nein, erzählst, du hast es nicht mehr notwendig, ihm zu beichten, er kennt dich zu genau - von jenem fremden leben, in das dich einzumischen du gewillt, warst, für eine erschreckend kurze zeit (oder es noch heute wärst, könntest du ehrlich sein vor dir selbst?). weshalb erwartest du, dass er deine angst teilt um einen fremden, weshalb erwartest du, dass er versteht, dass du lieben kannst, auf vielerlei arten, in vielerlei nuancen? 'dann geh', sagt er, 'fahr los, spiel den schutzengel, den unerwünschten, dräng dich auf, stürz dich in angelegenheiten, die dich nichts angehen, aber glaube nicht, dass ich noch da bin, wenn du zurückkommst.' und du gehst nicht, natürlich nicht. hast du jemals wirklich daran geglaubt, dass du derart über dich hinauswächst? dass du ein zeichen setzt, dass du tust, was dir herz und hirn und menschenverstand gebieten? dass du auf konfrontation gehen kannst, wenn sie auf dem spiel steht, deine kleine häusliche harmonie, dieser elende grashalm, an dem du dich festklammerst, in ermangelung weiterer optionen? es ist die kleinheit deines lebens, deines geistes, die dich anwidert, deiner unfähigkeit, dich darüber hinwegzusetzen, dein egoismus... deine vernunft? 'menschen wie du', das haben sie dir eingetrichtert, die wohlmeinenden freunde, 'müssen sich zur vernunft erziehen, wenn sie nicht krepieren wollen, an temperament, gier, irrationalität.' also quälst du dich vernünftig zu handeln, warum unverständnis und zorn deines partners heraufzubeschwören mit einer allzu grossen, möglicherweise sinnlosen geste, ausserdem, hast du schon einmal nachgerechnet, wie lange die fahrtzeit dauern würde, von hier bis zu jenem, für den du sorge tragen gedenkst? vor morgen mittag wärst du doch nicht bei ihm, und im klaren licht des tages sieht alles etwas anders aus, vielleicht wird er die welt bezwingbarer sehen, vielleicht ist wirdes schon zu spät sein, vielleicht - hoffentlich - wird er dich auslachen? spekulationen, müßig, denn du fährst nicht, hast dich einschüchtern lassen von einer halbherzigen drohung, mal wieder.

und dein partner? der ist sich seines triumphes nicht bewusst. dem war schon lange klar, dass du verlieren wirst, in diesem kleinen, dummen machtkampf. der weiß bescheid um angst und liebe und wut, und deshalb sagt er dir freundliche phrasen, "schau, lass doch die vergangenheit ruhen" und "das geht dich doch alles nichts an, wieso denkst du denn, dass gerade deine hilfe benötigt wird" und auch, "willst du noch immer die welt retten?" und was willst du da noch antworten? da lässt du ihn allein, mit seinen gedanken, die so ruhig und überlegt sein können, solange er selbst nicht betroffen ist.

da bist du nun also. wühlst in selbstmitleid und überhöhter emotion. bietest deine seele feil zum spottpreis, weißt, wie sehr du dich dieses wirren monologes schämen wirst, morgen. ehrlich, manchmal kotzt du mich ganz schön an.

1 Kommentar 7.2.07 23:46, kommentieren


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